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KV 331 - Eine kleine Analyse
Mein Fachgebiet sind Editionen. Als ich neulich Glenn Goulds Einspielung der Sonate Nr. 11 in A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart (KV331) hörte, kam mir der Gedanke, dass sich Interpretationen von Musikstücken mit den verschiedenen Editionen sprachlicher Werke vergleichen lassen. Die Vorgabe des Komponisten, die Darbietung des Musikers und die Leistung aller in die Produktion involvierter Personen verschmelzen zu einem neuen Ganzen, genauso, wie es die Arbeit der Korrektoren, Schriftsetzer, Schriftdesigner, grafischen Gestalter, Drucker und Buchbinder braucht, um das Werk eines Autors zu verbreiten.

Ich habe mich daher ein bisschen mit dem oben genannten Stück beschäftigt und versucht, verschiedene Interpretationen desselben Stücks zu veranschaulichen. In erster Linie ging es mir darum, selbst zu verstehen, wie bedeutsam der Einfluss des reproduzierenden Künstlers überhaupt sein kann. Die grundsätzliche Frage, die sich stellt, lautet: Wieviel Mozart ist drin, wenn Mozart drauf steht?

Als Referenzen dienen Aufnahmen des ersten Satzes von Klára Würtz, Alfred Brendel und Glenn Gould. (Genaue Angaben siehe Quellverzeichnis ganz unten.) Ich habe mich für diese drei Interpreten entschieden, weil ich Gould, der Mozart etwas unorthodox wiedergibt, zwei eher konventionelle Aufnahmen gegenüberstellen wollte, wobei auch zwischen Würtz und Brendel deutliche Unterschiede zu erkennen sind. Als erstes möchte ich mit folgender Grafik versuchen, formal messbare Unterschiede erkennbar zu machen.
Die abgebildeten Tonspuren zeigen die verschiedenen Längen der Aufnahmen. Während Würtz (12.48min) und Brendel (11.51min) deutlich über zehn Minuten für die Wiedergabe der Sonate in Anspruch nehmen, bleibt Gould sogar unter acht Minuten (7.54min). Wie den roten Markierungen zu entnehmen ist, ist es nicht so, dass die Interpreten das Stück im Vergleich mit den Kolleg(inn)en durchgängig entweder schneller oder langsamer spielen. Die Geschwindigkeiten sind individuell gewählt, Würtz ist zum Beispiel am schnellsten mit dem Thema durch, dafür lässt sie sich bei der fünften Variation klar am meisten Zeit.

Ausserdem bestimmt nicht nur die Spielgeschwindigkeit die Spieldauer. Gould ignoriert sämtliche Wiederholungen, während Würtz und Brendel sich in den allermeisten Fällen an die Notation halten. Im folgenden Tonbeispiel wird deutlich, warum Glenn Gould für die Exposition trotzdem praktisch gleich viel Zeit braucht, wie die beiden anderen: Er spielt halb so schnell.
Gezeigt werden die Takte 13 bis 18 des Themas. Brendel und Würtz ähneln sich, vielleicht liegt bei ihm die Gewichtung eher auf den grösseren Gesten, während sie sich für eine sehr gefühlsvolle, insgesamt ruhigere, flüssigere Spielweise entschieden hat. Im Gegensatz dazu fällt Goulds langsame, präzise, fast klinische Spielweise auf. So entzieht er dem Stück jede Theatralik und richtet sein Augenmerk auf die metrische und logische Struktur des Werks.
Das zweite Beispiel stammt vom Beginn der vierten Variation (Takte 73 bis 80), ziemlich genau in der Mitte der Sonate. Wiederum zeichnet sich Brendels Spiel durch starke Akzente aus. Die Ungarin Würtz betont weiter das fliessende, einfühlsame Element, wobei sie im Vergleich zum Beginn des Stücks entschiedener vorwärtsdrängt. Glenn Gould fährt seinerseits fort, mit präzisen, nüchternen Anschlägen den Aufbau von Mozarts Werk transparent zu machen. Und er tut dies bereits in deutlich höherem Tempo.
Mit den Takten 109 bis 116 aus der letzten Variation neigt sich der erste Satz dem Ende zu. Bei allen drei Interpreten ist die gesteigerte Intensität deutlich zu spüren. Bei Glenn Gould wird das Tempo weiter erhöht, es scheint, dass es dem Kanadier nicht schnell genug zu Ende gehen kann. Er arpeggiert Akkorde, lässt die Töne also nacheinander und nicht gleichzeitig erklingen, selbst wenn das in der Notierung so nicht vorgegeben ist. (Vgl. der letzte Bass-Akkord im Tonbeispiel.) Dadurch wirkt das Spiel noch ungestümer und gehetzter. Im Gegensatz zu seinen beiden Kolleg(inn)en lässt er sogar zehn Takte (125 bis 134) ganz weg und spielt damit die letzte Variation in nicht einmal vierzig Sekunden durch, fast doppelt so schnell wie Würtz und Brendel.
Ich bin kein Experte, was klassische Musik oder Klaviermusik im Speziellen angeht. So ist auch meine kleine Analyse das Werk eines Dilettanten im eigentlichen Sinn des Wortes, entstanden unter Voraussetzungen, die keiner ernsthaften wissenschaftlichen Prüfung standhalten würden. Zum Beispiel müsste man sich fragen, ob das Notenmaterial, das ich der Site www.noten-klavier.de entnommen habe, überhaupt als Referenz dienen kann. Ich bin für Kritik und Anregung in jedem Fall dankbar, vor allem, wenn mein Argumentationsstrang grobe Unterlassungen oder gar Fehler aufweisen sollte.

Mein kleiner Essay hat mir geholfen, eine Antwort auf meine einleitende Frage - wieviel Mozart ist drin? - zu geben. Die Musiker heben jeweils Aspekte des Werks hervor, die ihnen wichtig scheinen. Während der Österreicher Brendel Kontraste herausarbeitet und die theatralische Qualität des Stücks in den Vordergrund stellt, geht es Gould um die formalen Eigenschaften der Sonate. Es scheint, als wolle er Mozarts Komposition im Grenzbereich präsentieren. Klára Würtz konzentriert sich weniger auf die einzelnen Passagen als vielmehr auf den Gesamteindruck, die berührende, gefühlsvolle Atmosphäre, die das Werk insgesamt zu vermitteln mag. Überall ist also Mozart drin, überall ist dieser Mozart aber auch stark beeinflusst durch die Interpretation des jeweiligen Künstlers. Eva hat mich in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass das Wort "interpretieren" ja bereits "deuten" oder "übersetzen" heisst. Folglich verbinden sich Komposition und Interpretation zu einem neuen Ganzen.

Vielleicht erscheint diese Aussage banal und gewöhnlich. Das mag sein, allerdings liegt im Gewöhnlichen auch eine Gefahr. Man hat sich nämlich an etwas gewöhnt und achtet deshalb nicht mehr darauf. Wie stark Interpretationen, Editionen, Fotonachbearbeitung etc. die Aussage von Werken steuern ist einem oft nicht bewusst. Beethovens 14. Sonate für Klavier wurde von einem Hörer mit dem suggestiven Namen "Mondscheinsonate" versehen. Dieser Name hat sich eingebürgert, ich für meinen Teil habe mich so daran gewöhnt, dass ich unweigerlich an einen Mondaufgang (am besten über einer mystisch anmutenden Waldlichtung) denken muss, wenn die ersten Noten des ersten Satzes erklingen. Bezeichnenderweise war es wiederum die Interpretation von Glenn Gould, die das Stück von jeder romantischen Verklärtheit löst und damit Raum für ein neues Erleben dieses grossen Werkes eröffnet. Die Assoziation "Mondschein" passt nicht mehr, die Willkür der Namensgebung wird offensichtlich. Das unaufhaltsam voranschreitende Bassmotiv und die innewohnende Melancholie erinnern mich an das stetige Verrinnen der Zeit, gewissermassen an das unerbittliche Ticken der Lebensuhr. So erscheinen auch die beiden anderen Sätze in einem neuen Kontext. Wo Mondschein drauf steht, muss nicht Mondschein drin sein.
Addendum: Am 23. September 2010 hat mir der von mir sehr geschätzte und für sein Können bewunderte Organist Bruno Reich folgende Zeilen per Mail geschickt "An Deiner Analyse finde ich interessant, dass Du einen Parameter nimmst, der für Musiker selbst vielleicht suspekt ist, aber für "Normal-Hörer" durchaus relevant: das Tempo. Anhand des Tempos leitest Du bestimmte Interpretationsansätze ab, die durchaus Sinn ergeben. Du charakterisierst die drei Pianisten sehr treffend. Und auch die Mondscheinsonate ist sehr gut beschrieben. Du musst einfach damit rechnen, dass Pianisten Deine Analyse etwas kritisch betrachten. Oder gar ablehnen."

Die folgenden Aufnahmen wurden zur Analyse herangezogen.

Brendel, Alfred; Piano Sonata No. 11 in A, K. 331, "Alla Turca": I. Andante grazioso con variazioni; Album: Mozart: Piano Sonatas Nos. 10, 11 & 17; 2000; Universal International Music B. V.

Würtz, Klára; Piano Sonata #11 In A, K 331 - 1. Andante Grazioso; Album: Mozart: The Masterworks (Disc 36); 1998; Foreign Media Group, Brilliant Classics.

Gould, Glenn; Sonata No. 11 in A Major for Piano, K. 331: I. Tema: Andante Grazioso; Album: Mozart: Piano Sonatas, Vol. 4; 1973; Sony BMG Music Entertainment.

Die Auszüge wurden im Programm Audacity nach Mono konvertiert und für die Online-Publikation komprimiert, was die Tonqualität spürbar beeinflusst. Bei der Tonspuren-Grafik handelt es sich um einen Screenshot des Audacity-GUIs, den ich in Photoshop aufbereitet habe. Die Tonbeispiele wurden in iMovie'08 produziert.
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