neuigkeiten
die frau
das maedchen
der mann
der klan
bilder
| e, s & m
| familie
| ferien
| anlässe & orte
| natur
| kurioses
don camisi

fan70.ch

baseggio.net

tempus-fugit.ch

   eng
Nikon Coolpix 8800 - Der Test
Gestern hatte ich die Möglichkeit, das derzeitige Flagschiff der Coolpix-Serie von Nikon zu testen. (Danke Willy!) Da ich selbst ein Vorläufer-Modell dieser Kamera besitze, war ich sehr auf die Fortschritte der letzten 2 Jahre gespannt. Tatsächlich weist die CP8800 verschiedene Neuerungen auf, die sie zu einer der führenden Bridge-Kamera auf dem Markt machen.
Auf die nominellen Eigenschaften der Kamera werde ich nicht ausführlich eingehen, man kann die Spezifikationen im Web überall nachlesen. (Besonders empfehlen möchte ich hierzu «Steve's Digicams», www.steves-digicams.com.)

Soviel sei dennoch gesagt: Die Kamera verfügt über ein optisches 10-Fach-Zoom-Teleobjektiv (35-350mm) und einen 8-Megapixel-Chip. Damit gehört die 8800 derzeit zu den leistungsstärksten Kameras dieser Klasse. Wiederum sind im Objektiv Nikkor ED-Linsen verwendet worden, vergütetes Glas aus dem Profi-Segment, was sich augenscheinlich in der Bildqualität niederschlägt.

Was ist wirklich, wirklich gut?
Es gibt eine technische Neuerung, die wirklich besondere Beachtung verdient, die «Vibration Reduction», kurz «VR». Dabei handelt es sich um ein ausgeklügeltes System, das einige der Linsen im Objektiv bewegt und so das leichte Zittern der Hand kompensiert.

Das bedeutet, dass bei ungünstigen Lichtverhältnissen ohne Stativ mit längeren Verschlusszeiten gearbeitet werden kann. Und es bedeutet auch, dass die Kamera auch bei hohen Brennweiten in freier Hand gehalten werden kann, ohne dass die Bilder verwackeln. Dies ist bei oben erwähntem 10-Fach-Tele gewiss ein Thema.

Die Resultate meiner Testserie sind erstaunlich. Ich habe mit der maximalen Brennweite von 350mm Bilder desselben Motivs geschossen und dabei alle Belichtungszeiten zwischen 1/3000s und 1/15s verwendet. Die Blende hat jeweils der Automat geregelt, den ISO-Wert des Chips habe ich so gesetzt, dass die grosse Spanne verschiedener Belichtungszeiten überhaupt möglich wurde. (Mit 1/15s kam es selbstverständlich zu einer deutlichen Überbelichtung.) Ausserdem wurden alle nachträglichen Bearbeitungen durch die Kamera wie Kontrast- oder Farb-Korrektur, Schärfung etc. deaktiviert.

Das Ergebnis kann unter dem folgenden Link betrachtet werden. Es sind jeweils unbehandelte Ausschnitte im Format 200x800 Pixel.
Matrix der Testbilder (685KB)
Links ist jeweils das Bild zu sehen, dass in der freien Hand ohne VR geschossen wurde. In der Mitte dasselbe Sujet mit aktivierter «Vibration Reduction». Und als Vergleich dazu dasselbe Bild mit denselben Einstellungen vom Stativ aus.

Der Vergleich der Bilder zeigt, dass bei Belichtungszeiten von 1/500s und schneller keine nennenswerte Unterschiede bestehen. Dies entspricht auch der landläufigen Faustregel, dass die Zahl der Brennweite die Zahl im Nenner der Verschlusszeit nicht unterschreiten soll, wenn man vor Verwackelung gefeit sein will.

Interessant ist die Serie bei 1/250s: Dort stellen wir bereits ein starkes Verwackeln bei der Freihandversion fest, während sich VR und Stativ nicht unterscheiden. Eine Verschlusszeit langsamer beginnt das VR-Bild sich vom Bild ab Stativ merklich zu unterscheiden, die einzelnen Personen bleiben auf dem Aussichtsturm jedoch bis zur längsten Belichtung (1/15s) klar unterscheidbar. Das Freihandbild ist wohl ab 1/125s nicht mehr wirklich brauchbar.

Ein weiteres Phänomen ist mir aufgefallen, das für die tägliche Arbeit mit der Kamera von Bedeutung sein kann. In der Freihandversion scheint das Bild, das mit 1/60s geschossen wurde, schärfer zu sein, als das, das mit 1/125s theoretisch weniger verwackelt sein sollte. Grund dafür ist der Zufall, es kann auch bei verhältnismässig ruhiger Hand geschehen, dass genau während einer relativ hastigen Bewegung ausgelöst wird. Andererseits kann man auch Glück haben und bei einer zu langsamen Einstellung der Belichtungszeit trotzdem ein (fast) scharfes Bild machen.

Mir scheint, dass die VR den Zufall weitgehend ausschaltet. Gerade bei Belichtungszeiten, die nahe an der kritischen Grenze sind, wird VR das Risiko des Verwackelns stark reduzieren. In Verbindung mit dem «Best Shot Selector» (BSS) kann dieser Sicherheitsfaktor wohl weiter gesteigert werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die «Vibration Reduction» unerwartet effektiv ist und ein interessantes, Alltag-taugliches Werkzeug sein kann. Natürlich kann VR nicht zaubern und wird die Nutzer enttäuschen, wenn sie nicht über grundsätzliche Gesetze der Fotografie Bescheid wissen. Mit längeren Belichtungszeiten erhöht sich bekanntlich das Problem der Bewegungsunschärfe...

Und was noch?
Für den User ist neben der Einführung der «Vibration Reduction» auch von Bedeutung, dass die Bedienelemente in - wie ich finde - ausgezeichneter Weise neu angeordnet wurden. Die Knöpfe und Wählräder lassen sich ohne hinzugucken bedienen, was besonders dann wichtig ist, wenn man Einstellungen verändern will, während man durch den Sucher schaut. Natürlich ist es weitgehend Geschmacksache, welche Benutzer-Führung welches Herstellers man bevorzugt. Ich finde mich beispielsweise besonders gut mit Nikon-Kameras zurecht, Canon-Modelle sagen mir auch zu.

Gelungen ist vor allem das Haupt-Wählrad, das es erlaubt, zwischen den verschiedenen Modi der Kamera zu wechseln oder viel genutzte Optionen wie den Weissabgleich oder die Bildgrösse zu ändern. Der Menupunkt «Scene» findet sich nun ebenfalls bei diesem Prosumer-Modell, nachdem bislang die kleineren Coolpix-Modelle wie die 5200 damit ausgerüstet wurden. Es handelt sich dabei um praktische Voreinstellungen für definierte Motive wie Makro- oder Portrait-Aufnahmen. Es ist damit möglich, geeignete Kamera-Einstellungen zu wählen, ohne, dass man im Detail wissen muss, was die Kamera macht. Natürlich können diese Einstellungen auch von ambitionierten Fotografen genutzt werden, wenn es ihnen gelingt, sich vom Standesdünkel zu befreien.

Bei den Serienaufnahmen ist neu auch der Modus «Letzte 5 Bilder» verfügbar. Eine fantastische Einstellung, wenn es darum geht, ein Ereignis abzulichten, von dem man nicht genau weiss, wann es geschieht. Man hält mit der Kamera auf den Ort, wo man das Ereignis erwartet und drückt auf den Auslöser. Man hält ihn so lange gedrückt, bis das Ereignis geschieht. In dieser Zeit macht die Kamera in schneller Serie Bilder, sie speichert jedoch lediglich die 5 letzten Bilder ab, nachdem man den Auslöser los gelassen hat. So kann man das Ereignis gar nicht verpassen, es gehört dann nur noch ein bisschen Glück dazu, dass unter den 5 Bildern auch eines ist, dass die «Action» wirklich voll getroffen hat. Schnappschüsse mit System, wenn man so will.

Zum Schluss noch die Punkte, die mir negativ aufgefallen sind. Die Kamera ist zwar hervorragend ausbalanciert, sie ist jedoch spürbar schwerer, als die CP5700. Schade. Ausserdem verfügt sie über eine schnellste Verschlusszeit von 1/3000s, kein berauschender Wert, wenn man mit der Konkurrenz vergleicht. Man hat zudem auf die Einstellungsmöglichkeit von 800 ISO verzichtet, was mir bei der CP5700 immer wieder einmal ermöglicht, bei schwierigen Lichtverhältnissen trotzdem noch Bilder zu machen. Natürlich ist das Bildrauschen dann erheblich, jedoch nimmt man die qualitativen Abstriche zuweilen bewusst in Kauf, um so mehr, wenn das Bild eher einen dokumentarischen als einen ästhetischen Wert haben soll. Diese Freiheit fehlt bei der 8800.

Und schliesslich ist da noch das Dauerthema bei den High-End-Coolpix-Kameras: Die Skala bei der manuellen Fokussierung. Wiederum fehlen Angaben in Metern und Zentimetern, wiederum gibt nur ein grob eingeteilter Balken die Distanz an. Selbstverständlich wird man durch die Schärfe-Anzeige im Sucher unterstützt, doch es ist nicht zu erklären, warum Nikon diese Anzeige nicht in vernünftigen Masseinheiten liefert. Umso mehr, als dass dieser Umstand von der Community kritisiert wird, seit dieser Balken das erste Mal aufgetaucht ist.

Fazit: Die Coolpix 8800 von Nikon ist eine solide, moderne Kamera, die die Macken ihrer Vorgängerinnen weitgehend abgelegt hat. Sie ist verbraucherfreundlicher geworden, dennoch ist sie für Anfänger wohl noch etwas zu kompliziert. Punkto Verarbeitung und Leistung ist sie ihr Geld in jedem Fall Wert.
Mario de Baseggio
Zürich, 2. Mai 2005
© 2017 baseggio.com | moehlecke.com