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Der Absturz, der eine Landung war
Es war im Jahr 1993, da ich mit einigen Kollegen zum Fallschirmspringen in Triengen (südlich von Aarau) fuhr.

Nach theoretischer Schulung am Vormittag muss man das ganze Programm trocken durchspielen. Programm deshalb, weil es sich beim Sprung eigentlich um den ersten Kurstag des «Accellerated-Free-Fall-Kurses» (AFF) handelt. Gleich nach dem Absprung muss man sich daher an einen definierten Ablauf halten. Zuerst wird man sich im Raum orientieren und den beiden Instruktoren die Höhe melden. Dies geschieht schreiend, sie werden zwar nichts hören, aber so ist gewährleistet, dass man als Schüler den Höhenmesser konsultiert hat. Dann muss man dreimal so tun, als würde man den Schirm reissen, einfach so, als Training. Dann folgt die «Freizeit», dann ist die Pflicht nämlich vorbei, man hat bis 1'700 Meter nichts mehr zu tun und kann den Fall geniessen. Dann gibt man Zeichen, dass man auf 1'500 die Öffnung des Fallschirms auslöst.

Im Drill am Boden habe ich ziemlich viel falsch gemacht, zum Beispiel die Reihenfolgen der Abläufe nicht eingehalten. Aber die beiden Instruktoren haben mir viel Vertrauen gegeben, beide waren zu diesem Zeitpunkt Schweizermeister und Mitglieder der Nationalmannschaft. Am Nachmittag sind wir dann - als letzte Fuhre des Tages - in den Pilatus Porter gestiegen und auf 3'500 Meter über Grund gegangen. Es waren noch zwei andere Erstabspringer in der Maschine, es war also ziemlich eng. Dann ging alles ziemlich schnell: Das «Gatter» geht auf, der eine Instruktor steigt aussen auf das Fahrwerk der Maschine und ruft «Standby!». Dann kniet man an die Türschwelle und steigt auf das Trittbrett der Maschine. Die fliegt mit etwa hundert Stundenkilometern, es ist also entsprechend zugig. Dann springt man, die beiden Instruktoren fliegen mit und halten sich an einem fest.

Ich hatte mir vorgenommen, den Pflichtteil so schnell wie möglich zu absolvieren, damit ich noch viel Freizeit hätte. Ein mögliches Problem ist, dass es beim Sprung aus der Maschine zu einem «Sensory Overflow» kommen kann, der bei verschiedenen Menschen auch unterschiedlich lange dauert. In der Zeit des Overflows ist man ziemlich handlungsunfähig, man staunt nur noch. Tatsächlich hatte es solche, die am selben Tag nach dem Sprung gar nichts mehr gemacht haben und wie Steine auf den Boden zu gefallen sind. Wenn die Instruktoren das sehen, dann reissen sie den Fallschirm. Wenn die Leute dann am Schirm hängen, dann können sie sich wieder fassen. Normalerweise dauert das Phänomen aber bloss zwei bis fünf Sekunden. Dennoch haben die meisten gesagt, die vor mir gesprungen sind, sie hätten vom freien Fall gar nichts mitbekommen, bis sie mit dem Programm durch waren, mussten sie auch schon reissen.

Deshalb hatte ich mir, wie gesagt, vorgenommen, mich zu beeilen. Von einem Sensory Overflow habe ich nichts gespürt. Bei Sprung sah ich, wie sich die Maschine rasend schnell nach oben entfernte, das Gefühl war einfach sensationell. Ich habe den Bauch durchgedrückt und bin in eine schöne Fluglage gekommen. Dann habe ich das Programm in wenigen Sekunden durchgespielt. Aus 3'500 waren wir gesprungen, auf 2'700 hatte ich bereits Freizeit und konnte mich umsehen. Man fällt mit 180 km/h, das heisst, mit 50 Metern pro Sekunde. Also hatte ich bis 1'700 Meter, wo ich mich auf den Abriss vorbereiten musste, satte 20 Sekunden Zeit. Ich habe den Bielersee gesehen! Man fühlt sich wirklich schwerelos. Dann habe ich mit den Instruktoren, die die ganze Zeit dabei sind, gelacht und gejauchzt. Auf 1'700 habe ich Zeichen gegeben und vier Sekunden später gerissen. Der Schirm hat sich einwandfrei geöffnet, sofort hat mich ein dritter Instruktor am Boden via Einwegfunk übernommen und eine Flare-Übung - einen «Bremstest» - mit mir durchgeführt.

Ich bin ja nicht wahnsinnig schwer, deshalb dauerte es einige Zeit, um nach vollständiger Schirmöffnung auf 1'100 die Höhe abzubauen. Das war eigentlich auch noch lustig, ich habe Manövrierübungen gemacht, das geht wirklich leicht. Auf der Seite, wo man am Strick reisst, auf die Seite fliegt man. Da war ein Fussballplatz, über dem wir bis auf 300 Meter kreisen und Höhe vernichten mussten. Dann flog ich die Platz-Ronde, das heisst, zuerst zu einer Bahnlinie und dann längs der Bahnlinie mit dem Wind bis zum ausgemachten Wendepunkt. Bis dahin war alles planmässig verlaufen, ich war auf 150 und wendete. Bei 100 war ich auf der Höhe der Landemarke und schwenkte ein. Ich wäre wohl genau auf dieser verfluchten Marke gelandet, wenn der Instruktor am Funk nicht plötzlich panisch geschrieen hätte: «Dreh' ab! Dreh' ab! Der Wind hat die Richtung geändert, er kommt vom Berg!» Ich habe eigentlich nichts von Seitenwind gespürt, habe mir aber gedacht, dass ich den Befehl befolgen muss, weil ich ja nicht schon beim ersten Absprung schon unangenehm auffallen wollte. Also habe ich wieder um 90 Grad nach rechts gedreht.

Das Ziel wäre nun ein Acker jenseits des Bahndammes gewesen, an dem ich vorher entlang geflogen war. Die Bahn zu kreuzen wäre kein Problem gewesen, denn es gibt dort keine Fahrleitungen, es ist eine Touristen-Dampfbahn. Also habe ich mich schon mit dem Landeanflug befasst, als von rechts ein Fahrradfahrer auf dem parallel zur Bahnlinie verlaufenden Feldweg daherradelt. Kein Problem eigentlich, denn ich war noch weit von der Strasse weg. Doch, was macht dieser Depp? Er sieht mich und hält an. Wo? Genau in der Verlängerung meiner Anflugachse. Ist das nicht unglaublich? Da staunt mir einer genau auf meinem Runway entgegen, nicht genug, in einem Kindersitzchen hat er noch einen «Goof» dabei. Wäre der Kleine nicht gewesen, hätte ich meinen Anflug wohl fortgesetzt. Im schlimmsten Fall hätte ich ihn mit meinen «Raichles» weggeputzt. (Die «Raichles» sind die massiven Militärschuhe, die mich auf meinen männlichen Abenteuern immer begleiten.) Aber mit dem Kind? Da war mir das Risiko zu gross. Also habe ich einen Emergency-Left-Turn eingeleitet und einen Kompromiss in der Richtung gesucht.

Natürlich war es damit noch nicht vorbei. In meinem neuen Anflugkurs befand sich wieder ein unangenehmes Hindernis: Ein T-Stahlträger, vertikal in den Boden gerammt. Wofür, das weiss ich nicht. Wohl einfach, damit ich mir dort die Birne blutig schlage. Ich bin nunmehr auf etwa zehn Metern und muss schnell reagieren, wenn ich keinen rostigen Kuss kassieren will. Also, «Red Alert Emergency Emergency Emergency Panic youíre gonna Die This is the End Righthand Turn»! Ich bin nun wieder in der richtigen Richtung, sehe das Feld, doch habe ich durch die Turns so viel Höhe verloren, dass es mir kaum mehr über den Bahndamm reicht. Ausserdem bemerke ich, dass ich beide Führungsleinen bereits zum Anschlag durchgezogen habe, ich bin also manövrierunfähig. Ausserdem, und das ist beim Touchdown noch entscheidender: Ich kann nicht flaren. Das sind dann die Momente, wo man nichts anderes tun kann, als auf den Einschlag zu warten. Ich kam mir vor wie Jens Weissflog, der auf der Olympiaschanze in Innsbruck noch einige Meter gewinnen will, indem er den Sprung «zieht».

Auch ich habe gezogen, aus einer eleganten Telemarklandung ist indes nichts geworden. Ich habe mit den Zehen ungebremst am ersten Schienenstrang eingehängt, es hat mich in einem Sekundenbruchteil in den Bahnschotter gehebelt. Ich habe mich also einige Meter durch das imprägnierte Geröll und die Schwellen gepflügt, bis der zweite Schienenstrang meiner Vorwärtsbewegung ein schroffes Ende gesetzt hat. Ich habe mich aufgerappelt, «Alles noch ganz», habe ich gedacht. Da höre ich den Idioten auf dem Fahrrad: «Hätís ihne öppis gmacht?» Da wollte ich ihm vor seinem Kind den Kiefer in die Hypophyse schlagen! Ich wollte auf ihn zurennen, aber ich war ja noch am Schirm befestigt. Der war seinerseits in einen Stacheldrahtzaun verheddert. Das hat mich natürlich ruckartig gebremst und schon lag ich wieder auf dem Boden. Und als ich den Schirm aus dem Zaun gefädelt hatte, hatte sich die Radfahrer-Memme bereits verzogen.

Nachher hat mein Kollege Christian mir gesagt, dass er in all den Jahren seines Fallschirmspringens noch nie einen derart rasant kollabierenden Schirm gesehen habe. Immerhin war es also eine spezielle Landung. Natürlich musste ich mir einige Witze gefallen lassen, denn alle anderen hatten meinen wuchtigen Touchdown beobachtet. Wind habe es übrigens kaum gehabt, der Windsack habe einfach auf der anderen Seite als normal schlapp heruntergehangen. Ich habe mich dann so herausgeredet, dass ich natürlich zur berühmten Swiss Army Para Special Unit gehöre, Elitekampfeinheit, daher hätte ich mich aus purer Gewohnheit gleich auf das strategisch wichtige Ziel gestürzt. Hätte ich den Plastiksprengstoff dabei gehabt, dann wäre diese feindliche Verbindungs- und Nachschublinie binnen drei Sekunden eliminiert gewesen.

Das haben sie mir aber nicht geglaubt.
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