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Der letzte Dienst
Mein Urgrossvater war Bauer. Er hatte ein kleines Gehöft gepachtet, am Ufer der Aare gelegen. Zur Pacht gehörte es, dass er als Fährmann Durchreisende über das fliessende Gewässer bringen musste. Natürlich war er nicht immer zur Stelle, wenn eine Person übergesetzt werden wollte. So kam es, dass meine Grossmutter oder eines ihrer acht Geschwister diese Arbeit verrichten mussten. Nicht selten, so erzählt meine Grossmutter, sei es vorgekommen, dass sie als schmächtiges Mädchen einen zwei Zentner schweren Brocken von Mann über die Aare habe ziehen müssen.

Einmal kam ein Mann vorbei, der verzweifelt nach seiner Frau suchte. Auf dem Hof meines Urgrossvaters konnte man ihm leider auch keine Auskunft geben. Die von ihm beschriebene Frau war nicht gesehen worden. Mein Urgrossvater versicherte dem Unglücklichen, dass er die Augen offen halten werde.

Einige Tage später, der Vorfall war bereits vergessen, fand man die Frau. Sie war vom Fluss angeschwemmt worden. Da sie einige Zeit unentdeckt geblieben war, bot sie keinen erfreulichen Anblick. Es war so schlimm, dass sich die Polizisten und Amtspersonen weigerten, den Leichnam aus dem Wasser zu nehmen.

Mein Urgrossvater war sich solche Einsätze anscheinend gewohnt, denn er liess sich eine Flasche Schnaps bringen, trank einen grossen Schluck, rieb sich den Alkohol ins Gesicht und auf die Kleider und schüttete den Rest über die tote Frau. Beim Anheben des Leichnams brach dieser auseinander. Einige der Anwesenden mussten sich auf der Stelle übergeben. Der ebenfalls herbeigerufene Ehemann der Toten wohnte dem Schauspiel mit versteinerter Miene bei.

Der sich zersetzende Körper verlor Hautfetzen. Die Achtung vor den Toten will es, dass alles Erdenkliche unternommen wird, den Körper so vollständig als möglich zu bergen. Mein Urgrossvater fühlte sich dem so sehr verpflichtet, dass genauestens darauf achtete, wirklich alle Leichenteile zu bergen. Er hat sogar ausgefallene Haare der Frau mit einem Bleistift aufgewickelt und so dem Begräbnis zugeführt.

In den nächsten Tagen habe mein Urgrossvater kaum etwas gegessen, erinnert sich meine Grossmutter. Ein paar Wochen später, der Alltag war schon lange wieder eingekehrt, tauchte der Wittwer eines Morgens plötzlich wieder auf, um sich für den von meinem Urgrossvater geleisteten Dienst zu bedanken.
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