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Ich habe während einigen Jahren als Korrespondent bei der Regionalzeitung «Zürcher Unterländer» gearbeitet. In dieser Zeit konnte ich viele Erlebnisberichte publizieren, darunter auch den folgenden Text über eine Kletter-Tour im Februar des Jahres 1994.

Das Protokoll eines Kletterganges
Der ZU-Mitarbeiter Mario de Baseggio hat den Geographen Oliver St. auf einem seiner Klettergänge ins Innere des Erdreiches begleitet. Zusammen sind sie in der Eishöhle oberhalb von Meiringen (BE) bis an das äusserste begehbare Ende eines Ganges gelangt.

13.00 Uhr, 0 m Tiefe: Wir steigen in eines der vielen Löcher im Waldboden. Diese Eingangspassage ist uns von einer früheren Erkundung bekannt. Das Gelände ist leicht und wir kommen schnell voran. In diesem ersten Boden der Meiringer Eishöhle fällt durch Öffnungen noch einiges an Tageslicht in die zehn Meter hohen Gewölbe.

13.15 Uhr, 15 m Tiefe: Wir befinden uns an einem etwa fünf Meter hohen Absturz, den wir mittels einer Strickleiter meistern wollen. Ein erstes Mal erweist sich die umfangreiche Fotoausrüstung, die wir zur Dokumentation der Exkursion mitführen, zum Passieren enger Spalten und Durchgänge als hinderlich.

13.20 Uhr: Wir haben den Absturz hinter uns und gehen weiter. Das bräunliche Kalkgestein ist kantig und zerklüftet. Dennoch kommen wir auf den grossen Felsbrocken zügig und aufrechten Ganges voran.

13.30 Uhr, 45 m Tiefe: Wir stehen an der Kante zu einem Eisfeld. Auf der linken Seite entdecken wir eingeschlagene Haken. Nachdem wir sie auf ihre Festigkeit hin überprüft haben, beschliessen wir, das Seil daran zu befestigen. Wir ziehen die Steigeisen an. Am Gurtzeug seile ich mich über die glatte Fläche ab. Die Zähne der Eisen beissen ins Eis und geben mir guten Halt. Den ersten Teil kann ich sogar vorwärts gehen. Langsam nimmt aber das Gefälle zu und ich bin auf das Seil angewiesen. Die letzten drei Meter sind nahezu senkrecht. Nachdem ich auf einem Zwischenboden einen Eishaken in die Wand gebohrt habe, um mich zu sichern, steigt Oliver St. mit dem Gepäck ab.

13.55 Uhr, 60 m Tiefe: Wir stehen beide im Zwischenboden. Nachdem wir erneut ein Seil angebracht haben, steigen wir, noch immer im Eis, weiter ab. Nach einigen Metern bricht das Gelände im vierten Schwierigkeitsgrad nach links. Die letzten Meter sind überhängend.

15.30 Uhr, 80 m Tiefe: Zusammen sind wir ans Ende der Eisfläche gelangt. Der Abschluss des Eisfeldes hat die Form einer zwei Meter hohen, brechenden Welle. Wir verpflegen uns, um den Flüssigkeitshaushalt des Körpers nicht aus dem Lot zu bringen. Ein kleinerer Seitengang wird erkundet. Bereits nach zehn Metern wird es aber zu eng, um weiter vorzudringen. Wir kehren zur Hauptroute zurück. Der Untergrund ist nunmehr eisfrei und voller Spalten. Das Gewölbe ist nun schon bedeutend niedriger. Wir steigen ab.

16.25 Uhr, 100 m Tiefe: Beide sitzen wir in einem sehr schmalen Gang und verschnaufen. Die Einsamkeit und Stille ist absolut, man hört wie das eigene Blut durch die Schläfen pumpt. Wir sehen keine Öffnungen, die weiter nach unten führen. Später machen wir eine interessante Beobachtung. Nachdem sich die Temperaturen bisher ständig um den Gefrierpunkt bewegt haben, zeigt das Thermometer jetzt plus 7,6 Grad Celsius. Dies widerspricht aber der Theorie des Wärmehaushaltes in einer Höhle dieser Art. Wir finden eine Erklärung: Der Gang, in dem wir uns befinden, ist nur noch einen guten Meter breit und anderthalb Meter hoch. Da reicht unsere Körperwärme aus, das höhleneigene Klima zu verändern, selbst wenn die Messungen mit dem Thermometer immer in einiger Entfernung gemacht wurden. Eine spätere Messung, bei der wir das Instrument noch weiter zurücklassen, bestätigt dies. In der Eishöhle bewegt sich die Temperatur demnach relativ konstant um den Gefrierpunkt. Mit zunehmender Tiefe besteht die Tendenz zur Abkühlung.

16.40 Uhr: Wir gelangen an das Ende des Ganges. In waagerechter Richtung haben wir etwa fünfzehn Meter zurückgelegt und stossen auf ein Engnis, ein Loch von etwa 50 auf 30 Zentimeter. Ohne Gepäck und Jacke zwänge ich mich durch und lande in einer Kammer von rundem Grundriss und einem Durchmesser von knapp zwei Metern. Die Decke liegt sehr tief. Wenn ich seitlich liege, berühre ich sie mit der Schulter. Ich hüte mich davor, denn das Gestein macht einen unangenehm losen Eindruck. Da ich keine gangbare Fortsetzung erkennen kann, drehe ich mich mühsam und krieche wieder zur selben Öffnung hinaus, durch die ich eingedrungen bin.

16.50 Uhr: Wir beginnen den Ausstieg. Wir kommen rasch vorwärts, obwohl ich an einer steilen Stufe Probleme bekunde. Mit Hilfe meines Kollegen bewältige ich aber auch dieses Hindernis. Etwas später löst sich an der Decke Gestein, was in einer Karsthöhle nicht ungewöhnlich ist. Ich höre das Geräusch, ziehe meinen Kopf instinktiv ein und schon knallt es gewaltig. Ein tüchtiger Kalksteinbrocken hat mich mitten am Helm getroffen. Die Kerbe ist deutlich zu sehen. Einerseits zeigt uns dieser Zwischenfall, dass wir ausreichend ausgerüstet sind, andererseits ermahnt es uns, nicht nachlässig zu werden und die Gefahren nicht zu unterschätzen.

18.05 Uhr, 0 m Tiefe: Wir steigen aus.

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