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Der Auto-Kauf - die Abenteuer von «Cybercop»
Es war in der Zeit des grossen Internet-Auktions-Hypes. Ein Arbeitskollege - nennen wir ihn Lucky - hatte sich bei eBay einen nagelneuen Nokia Communicator zu einem wirklich tiefen Preis ersteigert. Da er generell aber eher knapp bei Kasse war, wollte er das Gerät nicht behalten, sondern mit Profit weiter verkaufen. So bot er das Teil auch bei uns im Büro feil, jedoch erst, nachdem er uns bereits den von ihm bezahlten Preis genannt hatte. So fiel uns allen natürlich sofort auf, dass er einen eigentlich unanständig hohen Gewinn aus dem Wiederverkauf schlagen wollte.

Roger, der einzige unter uns, der sich ernsthaft für das Gerät interessierte, machte Lucky seinerseits ein Angebot, das selbstverständlich weit unter dem geforderten Betrag lag. Ich hielt mich aus der Diskussion heraus, fand aber, dass Rogers Offerte angemessen war. Lucky ging indes nicht darauf ein, was Roger mehr und mehr verärgerte, umso mehr, als die Verkaufsgespräche über mehrere Tage hinweg immer wieder aufgenommen wurden - ohne dass sich die beiden auch nur annähernd einig geworden wären.

Lucky war mit der Situation ebenfalls nicht mehr zufrieden, da er viel lieber über das Geld als über die verschweisste Kartonschachtel verfügt hätte. Da machte ich ihm den Vorschlag, das Telefon bei eBay wieder zum Kauf auszuschreiben. Das schien mir eine gute Lösung zu sein, da Lucky den Artikel aus meiner Sicht zu einem ausserordentlich tiefen Preis hatte ersteigern können. Ich empfahl, den Minimalpreis gerade so tief anzusetzen, dass man wenigstens keine Verluste riskierte.

Zu unser aller Erleichterung ging Lucky auf meinen Rat ein und so war das leidige Thema vom Tisch. Wenigstens für zwei Tage. Wir hörten von Lucky nichts mehr, ausser das befriedigte Grunzen, wenn er sah, dass wieder ein höheres Gebot eingegangen war. Überhaupt ist hier anzumerken, dass Lucky kein Mann der vielen Worte war, ein ruhiger Typ, der stundenweise still vor sich hin arbeiten konnte, ohne ein Wort zu sprechen. Im lebhaften Ambiente des damaligen Teams eine eher ungewöhnliche Erscheinung also.

Bei der von ihm üblicherweise verbreiteten Ruhe erstaunte es umso mehr, dass Lucky am dritten Auktionstag plötzlich ein lautes, gellendes «Nein!» ausstiess. «Nein, nein, nicht! Ich will kein, kein - nein! Ich will kein Auto kaufen!» Natürlich liess dieser Ausruf alle Anwesenden im Büro aufhorchen. Auto kaufen? Und warum dieser Aufschrei? Alle Augen lagen auf Lucky, der abwechselnd kreidebleich und dann wieder krebsrot wurde und dabei wirres Zeug stammelte.

Als der Unglückliche auch auf mehrfaches Ansprechen nicht reagierte, ging ich zu seinem Pult, um zu sehen, was ihn dermassen aus der Fassung gebracht hatte. Auf dem Monitor prangte das Bild eines schwarzen Seat Ibiza älterer Bauart. Auffallend dabei die grellen Raddeckel, die in fröhlichem Pink gehalten waren. Und wichtiger, neben dem Bild des Wagens stand unmissverständlich die Bestätigung, dass «Cybercop» der neue, stolze Besitzer der spanischen Karrosse sei. Und wer war «Cybercop»? Auf meine Frage hin bestätigte Lucky kleinlaut, dass dies sein Benutzername bei eBay sei.

Er hatte sich eingewählt, um nach dem Fortschritt seiner Mobiltelefon-Versteigerung zu sehen. Dabei habe er, wie er sagte, einige Werbefensterchen «weggeklickt». Dabei muss es ihm gelungen sein, das Fahrzeug versehentlich zu erstehen. Es versteht sich von selbst, dass wir alle in der folgenden Viertelstunde Tränen gelacht haben. Alle, bis auf einen: «Cybercop» durchlebte Momente schierer Verzweiflung. Zum einen machten ihm die spöttischen Kommentare zu schaffen, die er - vor allem vom rachedürstenden Roger - zu gewärtigen hatte. Zum anderen ängstigte ihn die Tatsache, dass er über die geschuldeten 4'600 Schweizer Franken nicht verfügte und daher Mahnung, Pfändung und gar Haft drohten.

Als ich mich ein wenig von der Lacherei erholt hatte und Lucky seinerseits sehr still - und damit empfänglich für weitere Ratschläge - geworden war, erklärte ich ihm, dass auch eine Online-Versteigerung dem Obligationenrecht verpflichtet sei und es also kein Problem sei, in nützlicher Frist von diesem Kaufvertrag zurück zu treten. Er, Lucky, solle doch bei eBay anrufen, die Nummer des Kundendienstes stehe gewiss irgendwo in den Internet-Seiten des Unternehmens. Tatsächlich wurden wir schon bald fündig. Lucky notierte sich die Telefonnummer auf ein Zettelchen - und stürmte damit unvermittelt aus dem Büro.

Wir schauten ihm fragend hinterher, vermuteten, er habe wegen der Aufregung vielleicht dringend zur Toilette müssen. Schulterzuckend gingen wir wieder an unsere Arbeitsplätze und gingen unserer Tätigkeit weiter nach, immer wieder geschüttelt von kleinen Lachern. Das Lachen verging uns allerdings für einige Sekunden, als Lucky nach einer geschlagenen halben Stunde völlig aufgelöst, laut schnaufend im Türrahmen stand. Er blickte ins Leere und sagte mit atemloser, zitternder Stimme «Ich habe im ganzen Quartier kein Telefon gefunden!» Während die anderen brüllten vor Lachen, führte ich «Cybercop» zu einem der 12 Telefonapparate, die in unserem Büro standen.
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