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Das Überholmanöver
Männer im Geschwindigkeitsrausch
Heute ersetzt der Automobilrennsport das Schlachtfeld von einst. Früher spalteten sich wahre Männer mit Breitschwertern die Schädel, heute messen sie sich im Wettkampf um Tausendstelsekunden auf den Rennstrecken dieser Welt. Wer diese Wahrheit verstanden hat, wird begreifen, warum sich die folgende Geschichte 1993 in der flirrenden Sommerhitze von Arcachon, Südfrankreich zugetragen hat. Der tiefere Sinn offenbart sich nur Menschen, die die Begriffe «Ehre», «Mut» und «Opfer» verinnerlicht haben.

Vlnr.: Mario, Martin, Markus und Stefan.


Wir waren zu viert. Martin, Markus, Stefan und ich. Und wir waren getrieben von einem Gedanken: Go-Kart-fahren! Mit den Fahrrädern waren wir in Südfrankreich unterwegs, irgendwo in der Nähe von Bordeaux. Und wir hatten dieses Schild gesehen, auf dem die Rundstrecke und die leistungsstarken Gefährte angepriesen worden waren. "125 ccm!", "Plus de 100 kilomètres à líheure!" und "Hyper Cool!»

Als wir zur Strecke kamen, geschah ein Zeichen. Wir waren gerade dabei, unsere Fahrräder nach allen Regeln der Kunst beim Boxen-Gebäude anzuketten, da hörten wir einen lauten Knall. Wir wandten uns um und sahen, wie ein behelmter Go-Kart-Fahrer mitten auf der Rennpiste auf dem Rücken lag, alle Viere von sich streckend, offenbar bewusstlos. Und von seinem Go-Kart keine Spur. Der Fahrer schien vom Himmel gefallen zu sein.

Nach einigen Sekunden war der Pistenwart bereits herbeigeeilt und gab den Fahrern, die auf der Piste ihre Runden drehten, wilde Zeichen, damit sie dem ausgestreckten Piloten ausweichen konnten. Plötzlich hob dieser seinen Kopf, schüttelte ihn, erhob sich mit der Sicherheit einer neugeborenen Giraffe und torkelte davon. Wir, die vier stolzen Recken aus der Schweiz, schauten uns verblüfft an, bei zweien von uns - das kann man im Nachhinein sagen - machte sich bereits Angst breit. Bei den anderen beiden war hingegen der Wille zur Heldentat entbrannt, sie blieben selbst dann unbeeindruckt, als das Wrack des Go-Karts, aus dem der noch immer orientierungslos herumirrende Pilot offensichtlich bei voller Fahrt herausgefallen war, schwer beschädigt aus einer Böschung geborgen wurde.

Von unserer ersten Renn-Session gingen mir einige Minuten verloren, weil mir nach 50 Metern Fahrt der Gaszug riss. Es erforderte einiges an Deutlichkeit, den Pisten-Chef davon zu überzeugen, dass er mir ein Ersatzfahrzeug geben solle. Als ich dann endlich meine Runden drehen konnte, gelang es mir erwartetermassen, Martin und Markus regelmässig zu überrunden. Von meinem Erzrivalen Stefan war indes nichts zu sehen, wir blieben im ersten Durchgang ohne direkte Begegnung.

Als wir nach einer kurzen Pause selbstverständlich Anstalten machten, die Billette für einen zweiten Durchgang zu lösen, kniffen Martin und Markus - sie sollten in der Auseinandersetzung der Giganten keine Rolle mehr spielen. Für Stefan und mich war klar, dass es um eine Sache ging, die zwischen uns beiden entschieden werden musste. Das wurde umso deutlicher, als wir im folgenden Durchgang als einzige auf die Strecke gingen.

Ein Zeitdokument: Das Bild zeigt die beiden Kontrahenten im zähen Zweikampf auf der Rennpiste. Mario mit der standesgemässen Nummer 1 versucht auf der Aussenseite der Kurve im physikalischen Grenzbereich an Stefan (Nummer 18) vorbeizukommen, der seinerseits auf der Kampflinie klebt. Nur wenige Minuten später wird es zur Katastrophe kommen...


Vom ersten Meter weg entbrannte ein erbitterter Kampf. Es gelang mir, mich vor meinen Widersacher zu setzen, der in meinem Windschatten mitfahrend jedoch gehörig Druck machte. Als es nach einer langen Geraden auf eine 90-Grad-Rechtskurve zu ging, griff er links an. Ich entschloss mich, auf der Innenseite zu bleiben. Rad an Rad rasten wir auf diese Kurve zu, beide bereit, für die Sache zu sterben.

Ich verpasste den Bremspunkt und rutschte schleudernd über die Pistenbegrenzung. Es gelang mir, den Kart im Kiesbett, das die Piste an dieser Stelle umgab, unter Kontrolle zu bringen. Sofort suchte ich den Weg zurück zur Strecke. Wo war mein Gegner? Vor mir sah ich ihn nicht, hinter mir auch nicht. Er hatte zwar früher gebremst als ich, hatte dabei jedoch die Herrschaft über sein ausbrechendes Fahrzeug verloren und war einige Meter vor der eigentlichen Kurve nach rechts abgebogen. Nun sah ich , wie er im Rasen auf der Innenseite der Rennstrecke einen Go-Kart zu bändigen hatte, der wegen der Bodenunebenheiten Sprünge machte, die so hoch waren, dass ich unter seinem Fahrzeug hindurch das ganze Boxen-Gebäude sehen konnte.

Irgendwie schaffte es Stefan, an allen Reifenstapeln vorbei wieder auf die Strecke zu hüpfen. Und er tat dies zu meinem Leidwesen vor mir, hatte mich also überholt. Er zahlte allerdings einen hohen Preis für sein unbedachtes Manöver: Das Gaspedal liess sich nicht mehr bedienen, sein Bolide war nunmehr ständig auf Vollgas. Ich heftete mich indes an seine Fersen, beziehungsweise an seinen Auspuff. Es folgten Runden des virilsten, genuinsten Autorennsports, den die Welt je gesehen hat. Zuschauer sagten mir später, man habe das Gefühl gehabt, dass ich mit meinen Füssen bereits im Getriebe von Stefans Kart gesteckt habe.

Mein Gegner fuhr konsequent Kampflinie, Runde um Runde versuchte ich, ihn zu einem Fehler zu drängen, erfolglos. Er liess sich nicht einmal durch zartes Touchieren in der Kurve beirren. Menschen, die nicht für das Rennfahren geboren sind, würden in einer solchen Situation natürlich aufgeben. Ich nicht. Niemals. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und der offenbarte sich in Form einer Lücke.

Beim Herausbeschleunigen auf die Gegengerade war Stefan etwas rechts von der Kampflinie geblieben. Weil die besagte Gerade eine leichte, kaum spürbare Linksbiegung aufwies, öffnete sich das Loch auf Stefans linker Seite mehr und mehr. Plötzlich war die Lücke breit genug und ich war bereit, diese Chance beim Schopf zu packen: Ich nutzte den Windschatten, um mich neben Stefan zu setzen. Der Geschwindigkeitsüberschuss war jedoch nicht gross, so erkannte Stefan die Gefahr, just, als ich mich mit meiner Vorderachse auf die Höhe seiner Hinterachse vorgearbeitet hatte. Er beschloss, sich zu wehren. Seine Entscheidung sollte Folgen haben.

Er schloss die Tür.

Das heisst, dass er sein Fahrzeug mit einer schnellen Lenkbewegung nach links bewegte, dorthin also, wo ich war. Ich hatte mich mit chirurgischer Präzision in die Lücke zwischen dem Pistenrand und Stefans Wagen manövriert, deshalb berührten sich sein linkes Hinterrad und mein rechtes Vorderrad einen winzigen Sekundenbruchteil, nachdem mein Rivale die Lenkbewegung eingeleitet hatte - mir blieb lediglich der Gedanke «Brems!», den ich aber nicht mehr umsetzen konnte. Ein harter Schlag, wo ich einen Augenblick zuvor noch auf Stefans Hinterrad gestarrt hatte, war plötzlich alles blau.

«Himmel! Ich seh' den Himmel!» Doch, wie war das möglich? Offenbar schoss das Vorderrad bei Berührung mit dem Hinterrad hoch, und mit dem Vorderrad natürlich das ganze Gefährt. Und der sinnliche Eindruck meiner Situation bestätigte die naheliegende Vermutung: Ich flog. Mein Kart stieg wie eine Rakete gegen den strahlend blauen Himmel, ich dachte «Das war's, jetzt überschlägt es mich.» Mit einer erstaunlichen Ruhe wartete ich auf den Einschlag, der mir unvermeidlich schien. Mein Kart war für den Asphalt geschaffen, die Wahrscheinlichkeit, dass er sich nun als nicht flugtauglich erwies, war unbestritten erheblich.

Die Landung war erwartungsgemäss hart. Allerdings hatte ich das Glück, dass ich das Gewicht des Aufschlags nicht mit meinem Genick abfangen musste. So gerade, wie ich zum Höhenflug angesetzt hatte, so gerade fiel ich wieder auf die Erde zurück. Ich setzte mit der hinteren Stossstange auf, augenblicklich schlug es mich nach vorne, der Wagen wollte zurück auf die vertraute Strasse. Und das wollte ich auch. Aber wo war Stefan? Ich sah ihn nicht! War er mir in dieser kurzen Zeit davon gefahren? Unmöglich! So viel Zeit konnte mein Astronauten-Abenteuer nicht gekostet haben.

Da fiel mir die etwas schiefe Strassenlage meines Karts auf. Ganz offensichtlich rührte diese Schräge daher, dass keines meiner Räder die Strasse effektiv berührte. Und in diesem Moment hatte ich auch herausgefunden, wo Stefan geblieben war. Unter mir. Ich war im Begriff, ihn mit samt seiner Karre zu überfahren. Irgendwo weit weg war auch sein Gemaule zu hören. Ich war überzeugt, mich an die Spitze setzen zu können. Zwanzig, dreissig Meter fuhren wir auf diese Weise, ein Doppeldecker der besonderen Art. Plötzlich rutschte mein Wagen wieder auf die Piste - das Rennen konnte weiter gehen!

Ich muss nicht betonen, dass es mir mit diesem Manöver gelungen ist, an Stefan vorbei zu ziehen. Wobei der Ausdruck «überholen» ohne Zweifel der passendere ist. Mein Widersacher versuchte zwar über mehrere Runden, mir den Spitzenplatz noch streitig zu machen, ich liess mir den Sieg jedoch nicht mehr nehmen. Wir liessen uns auch nicht vom Pistenwart behelligen, der - wie uns Martin und Markus nachher erzählt haben - wütend und heftig mit der schwarzen Flagge gewinkt habe. Wir haben ihn schlicht nicht gesehen.

Wie eingangs gesagt: Menschen, die die nötigen Voraussetzungen nicht haben, tun sich schwer damit, unsere Taten zu verstehen. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass Martin und Markus uns nach dem denkwürdigen Rennen sagten, dass sie sich im Boxen-Gebäude für uns geschämt hätten. Stefan und ich, wir haben uns hingegen zufrieden die Hand gereicht. Stefan hatte einen blutenden Oberarm, weil sich mein rotierendes Vorderrad durch seinen T-Shirt-Ärmel gefräst hatte. Ich trage noch heute eine Narbe von der Grösse eines 2-Franken-Stücks in der Mitte meines Rückens, Relikt der Platzwunde, die ich mir bei der Landung im Schalensitz zugezogen habe. Unsere Kleider waren benzingetränkt, verschwitzt und blutverschmiert, wir hatten uns reichlich mit Ruhm bekleckert.

Und das ist, was wirklich zählt.
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